Warum Schenken nicht reicht

Vom Geben, Nehmen und dem feinen Dazwischen

16. Dezember 2025:
Über die Geschichte des Schenkens, die Gefahr von Manipulation und die Bedeutung des Nehmens. Und was das alles mit Beziehung zu tun hat, erfährst du in diesem Blogartikel.

Gegen Ende Jahr verdichtet sich vieles. Mit dem Advent und Weihnachten steigt der Erwartungsdruck. Kaum eine Zeit ist so aufgeladen mit Vorstellungen von Grosszügigkeit, Dankbarkeit und Verbundenheit wie diese. Und kaum eine Praxis steht dabei so sehr im Zentrum wie das Schenken.

Schenken wirkt auf den ersten Blick selbstverständlich. Wir tun es seit Kindertagen, meist ohne lange darüber nachzudenken. Und doch berührt das Schenken einen sensiblen Kern menschlichen Zusammenlebens: Beziehung, Anerkennung, Abhängigkeit, Macht, Verbundenheit.

Wer schenkt, tritt in Kontakt. Wer nimmt, ebenfalls. Was banal erscheint, ist bei genauerem Hinsehen ein komplexes soziales Wirken.

Vielleicht lohnt es sich gerade jetzt, einen Schritt zurückzutreten und genauer hinzuschauen: was tun wir da eigentlich, wenn wir schenken? Und was geschieht zwischen uns, wenn gegeben und genommen wird?

 

Schenken als alte Praxis

Schenken ist kein modernes Phänomen und auch keine Erfindung religiöser Feste. Es begleitet die Menschheit, seit Menschen in Gemeinschaften leben. Lange bevor es Geld, Verträge oder Märkte gab, wurden Dinge weitergegeben: Nahrung, Werkzeuge, Wissen, Schutz.

In frühen Kulturen war Schenken eng eingebettet in symbolische und rituelle Praktiken. Gaben wurden weitergegeben, um Zugehörigkeit zu markieren, Übergänge zu begleiten, zu Danken oder das Gleichgewicht innerhalb einer Gemeinschaft zu wahren. Dabei ging es weniger um Glaubensfragen im heutigen Sinn als um soziale Ordnung, um Verbundenheit über Generationen hinweg und um die Einbettung des Einzelnen in einen grösseren Zusammenhang.

Schenken stellte Beziehung her – zwischen Menschen, Clans, den Ahnen und Göttern sowie zur Natur. Es war eine Weise, Verbindung zu schaffen und aufrechtzuerhalten, besonders an Schwellenzeiten wie Jahreszeitenwechseln oder Lebensübergängen.

Wichtig dabei: Schenken war nie bloss ein Akt des Gebens. Es lebte davon, dass die Gabe angenommen wurde. Wer nicht nahm, entzog sich der Beziehung. Nehmen war kein Zeichen von Schwäche, sondern von Zugehörigkeit.

Die feinen Risse im Geben – die Ambivalenz im Schenken

Je komplexer soziale Gefüge werden, desto anfälliger wird das Schenken für Verzerrungen. Geben ist nie neutral. Es transportiert Absichten, Rollenbilder und manchmal auch unausgesprochene Forderungen.

Philosophische Stimmen weisen schon lange darauf hin, dass Schenken auch problematische Seiten hat. Nietzsche zum Beispiel stellt nicht die naheliegende Frage: Was soll ich schenken? Er fragt vielmehr: Wie kommt ein Geschenk beim Anderen an – und warum?

Damit verschiebt er den Fokus vom Gebenden auf den Prozess selbst. Und er vollzieht einen Perspektivenwechsel, der irritieren kann: Er nimmt den Nehmenden ernst.

«Hat der Geber nicht zu danken, dass der Nehmende nahm?»

Mit dieser Frage legt Nietzsche offen, was im Schenken häufig übersehen wird: Plötzlich erscheint der Beschenkte nicht mehr als passiv, sondern als aktiv Beteiligter.

Wer annimmt, bestätigt die Beziehung. Wer nimmt, schenkt dem Gebenden etwas zurück – allein durch das Annehmen.

Gleichzeitig wird sichtbar, wie leicht sich im Geben verdeckter Egoismus einnisten kann: wenn jemand schenkt, was ihm selbst gefällt oder ihm selbst dient; wenn Grosszügigkeit zur Selbstdarstellung wird; wenn Geben dazu dient, sich moralisch überlegen zu fühlen oder Nähe zu erzwingen. In solchen Momenten verliert das Schenken seine verbindende Qualität. Es entsteht eine Kluft zwischen Geben und Nehmen.

Die moderne Schieflage – wenn Gegenseitigkeit zur Rechnung wird

In heutigen Gesellschaften ist das Prinzip von Geben und Nehmen weiterhin wirksam, aber oft entstellt. In einer stark ökonomisierten und beschleunigten Welt wird auch Beziehung zunehmend vermessen, verglichen und abgesichert.

Viele Menschen geben nicht mehr aus innerer Bewegung, sondern aus Pflichtgefühl, sozialem Druck oder Angst, Erwartungen nicht zu erfüllen. Gleichzeitig fällt es schwer, etwas anzunehmen, ohne sich sofort verpflichtet zu fühlen.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Schenken wird zunehmend als Machtmittel eingesetzt. Wer gibt, kann Erwartungen erzeugen, Abhängigkeiten schaffen oder moralischen Druck aufbauen. Die Gabe ist dann nicht frei, sondern bindend.

Nicht selten entsteht eine unausgesprochene Reziprozitätsforderung: Ich habe dir etwas gegeben – jetzt bist du dran. Nehmen wird mit Scham aufgeladen, Geben moralisch überhöht.

So entwickeln sich zwei problematische Muster:

  • Menschen, die vorwiegend nehmen, ohne in Beziehung zu treten.
  • Menschen, die ständig geben, aber kaum etwas annehmen.

Im privaten Umfeld zeigt sich das in Beziehungen, in denen Geschenke, Gefallen oder emotionale Zuwendungen zu «heimlichen», oft unbewussten Rechnungen werden. Wo Geben nicht mehr verbindet, sondern bindet. Wo Nehmen mit Schuldgefühlen belegt ist.

Diese Dynamik ist auch in Organisationen präsent: Dort zeigt sich diese Schieflage besonders deutlich: Mitarbeitende, die permanent Mehrleistung erbringen, ohne Unterstützung anzunehmen. Führungskräfte, die geben, delegieren, ermöglichen – aber selbst keine Hilfe zulassen. Oder umgekehrt Systeme, in denen Erwartungen an Leistung bestehen, ohne echte Anerkennung oder Fürsorge. Hier wird Schenken oft funktionalisiert: als Bonus, Benefit oder Incentive. Was bleibt, ist der Tausch – nicht die Beziehung.

Geben und Nehmen als Kreislauf – nicht als Gegengeschäft

Ein Missverständnis trägt wesentlich zu dieser Schieflage bei: die Vorstellung, dass Geben und Nehmen immer direkt – also synchron – miteinander verknüpft sein müssen. Dass ich genau dorthin und im gleichen Umfang zurückgeben muss, von wo ich erhalten habe.

So funktionieren lebendige Systeme aber selten.

Viel häufiger verläuft Geben und Nehmen zirkulär. Ich erhalte Unterstützung von einer Person oder aus einem Kontext – und gebe sie später, anderswo, an jemand anderen weiter. Nicht aus Pflicht, sondern aus Verbundenheit.

Diese Sicht entlastet. Sie macht das Annehmen leichter, weil es nicht sofort ausgeglichen werden muss. Und sie bewahrt das Geben davor, zur Forderung zu werden. Sie bettet Geben und Nehmen in den grossen universalen Kontext ein.

Nehmen als grosszügiger Akt – eine unterschätzte Kompetenz

In vielen Kulturen unserer Zeit gilt Geben als Tugend, das Nehmen ist für die Schwachen. Diese Asymmetrie ist gelernt und entspringt unserer Sozialisierung. Sie erklärt, warum vielen das Geben leichtfällt, das Nehmen jedoch schwer.

Dabei ist Nehmen ein aktiver Akt. Nehmen erfordert Selbstwert, Vertrauen und die Bereitschaft, sich berühren zu lassen.

Wer nimmt, signalisiert:

  • Ich erkenne dein Geben an
  • Ich lasse mich berühren
  • Ich akzeptiere, dass Beziehung nicht kontrollierbar ist

Nehmen bedeutet, sich nicht sofort zu revanchieren, nicht zu relativieren, nicht abzuwerten. Es heisst, einen Moment lang einfach da zu sein – als Empfangender. So muss Dankbarkeit nicht sofort in Aktivität umschlagen und die Augenhöhe bleibt bestehen.

Organisational offenbart sich diese Kompetenz oft in einer offenen Feedbackkultur, im konstruktiven Umgang mit Fehlern, in der Fähigkeit von Führungskräften, selbst Lernende zu bleiben.

Nehmen wird hier zur Voraussetzung für Entwicklung und Resilienz.

Denn egal in welchem Kontext: ohne das Nehmen bleibt das Geben unvollständig.

Fazit: Schenken als Beziehungsgeschehen

Schenken ist kein moralischer Beweis sondern sensibles Beziehungsgeschehen. Es lebt von Aufmerksamkeit, von Angemessenheit und von der Bereitschaft, zwischen Geben und Nehmen zu wechseln.

Gerade in der Weihnachtszeit und am Übergang vom alten ins neue Jahr wird diese Dynamik besonders spürbar.

Vielleicht geht es weniger darum, noch etwas hinzuzufügen, als genauer wahrzunehmen:

  • Wann gebe ich aus innerer Bewegung – wann aus Erwartung?
  • Wo fällt mir das Nehmen schwer, obwohl es verbinden würde?
  • Wo wäre es heilsam, Geben und Nehmen nicht als Gegengeschäft zu denken, sondern als Teil eines grösseren Kreislaufs?

Schenken behält seine verbindende Kraft dort, wo es nicht rechnet, nicht bindet und nicht ausweicht – sondern Beziehung ermöglicht.

Mögen wir uns beschenken und berühren lassen!
Weihnachtliche Grüsse
Barbara Seeger

 

Weitere Blogposts

Der Anfang ist noch nicht vorbei

15. Januar 2026
Tragfähige Orientierung ist ein Zielbild, dass man nicht festzurren kann. Sie ist eher ein Wissen darum, woran ich mich halte, wenn die Umstände sich verändern. Doch wie kann ich dieses innere Wissen entstehen lassen? Mehr dazu erfährst du in diesem Blogartikel.

Die verlernte Kompetenz der Innenschau

28. Oktober 2025:
Stille ist nicht Stillstand und Innehalten ist keine Pause vom Leben, sondern Teil seines Rhythmus. Wie Zwischenräume helfen, Erlebtes zu verarbeiten – und weshalb Organisationen das ebenso brauchen wie Menschen, erfährst du in diesem Blogartikel.

Warum starke Ergebnisse radikale Fokussierung fordern

12. August 2025:
Reife ist nicht die Summe aller Möglichkeiten. Reife braucht Entscheidung. Weshalb dies Verzicht, aber nicht Verlust bedeutet und wie ein bewusster Schnitt Organisationen wieder in ihre Kraft und Fokussierung bringen kann, erfährst du in diesem Blogartikel.

Zeitwohlstand?

13. Mai 2025:
Alle sprechen von Zeitmangel, aber kaum jemand handelt. Warum das so ist und was uns dieser Stillstand wirklich kostet erfährst du in diesem Blogbeitrag.

Organisationale Ausrichtung: Aufbruchskraft und innere Orientierung

11. Februar 2025:
Wer auf innere Orientierung zurückgreifen kann, auf den wartet ein 2025 voller Wachstum und Produktivität. Wie du die aufsteigende Frühlingsenergie persönlich oder im organisationalen Kontext nutzen kannst, um dich klar auszurichten: Das erfährst du in diesem Blogartikel.

Die Kunst des Loslassens

5. November 2024:
Warum es uns so schwer fällt, loszulassen, was das mit unserer Kultur und dir persönlich zu tun hat und mit welchen 5 Schritten Loslassen gelingen kann, erfährst du in diesem Blogbeitrag.

Aller guten Dinge sind… VIER!

17. September 2024:
Balance ist mehr als Resilienz und komplexer als das Ausgleichen zweier Pole. Wie Organisationen es schaffen, in Balance und damit in ihre innere Mitte und Kraft zu kommen, davon handelt dieser Artikel. Mit Leitfragen und konkret umsetzbar. Für deine Organisation, dein Team oder für dich ganz persönlich.

Persönlichkeit entwickeln – Wie geht das?

21. März 2024:
Persönlichkeits-Entwicklung ist in aller Munde. Aber wofür soll dieser Trend gut sein? In diesem Blog erfährst du, warum die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit so wichtig ist, wie sie gelingen kann und welche Rolle Arbeitgeber dabei übernehmen.

Kontakt
nahbar Transformationsbegleitung
(vormals Barbara Seeger HR Consulting)
Barbara Seeger
Schulstrasse 2
4450 Sissach
Newsletter-Anmeldung